Ein Bild vom Hahnenkampf und die Erklärung, dass die Hackordnung von Hühnern nicht auf menschliche Beziehungen im Betrieb übertragbar ist.

Naturforschung im Büro

Basisdemokratie ja, aber doch nicht im Betrieb

In der aktuellen Ausgabe des weitverbreiteten ManagerSeminare-Magazins, gibt es derzeit unter der Rubrik Wissen etwas über die „Biologie im Business“ und „die Naturgesetze der Führung“ zu lesen. Das klingt spannend, besonders für uns bei BuGaSi. Immerhin werden hier Methoden entwickelt, um Führungskräfte weiterzubilden, ihre Kompetenzen zu fördern und produktives Feedback zu gewährleisten. Dafür die Naturgesetze in dem Bereich zu kennen und zu verstehen, scheint doch erstrebenswert! Das Bild zum Artikel ist schon recht überzeugend: Eine schnuckelige Entenfamilie. Die Küken watscheln alle der Mama hinterher, wie man es kennt. Aus der Natur. Ein Naturgesetz!

Mag ja sein, dass ich hier etwas kleinlich bin. Aber wenn man von Naturgesetzen spricht, denke ich an etwas Unumwerfliches. Etwas, das immerhin nach dem heutigen Kenntnisstand wissenschaftlich belegt ist. Sowas wie die Schwerkraft. Oder von mir aus auch der Entenmarsch. Aber Hierarchien werden heutzutage ja nicht mal mehr bloß von Anarchisten angezweifelt. Auf Xing diskutieren sogar Führungskräfte darüber, ob Hierarchien für ein gesünderes Betriebsklima, die Förderung einzelner Talente, neuer Ideen und den Erfolg der Firma abgebaut werden sollten.

Gewagte Thesen – schlecht belegt

Im Artikel heißt es wiederum, Individuen und Gruppen verlangen nach Hierarchie, sonst müsse jede kleine Entscheidung ausgefochten werden. Ok, das lass ich jetzt mal so stehen, obwohl es mich in den Fingern juckt. Es wird darüber hinaus aber ernsthaft behauptet: „Basisdemokratische Ansätze in Unternehmen kommen daher den biologischen Bedingungen nicht entgegen.“ An der Stelle dürften erfolgreiche Firmen, die mit anderem Beispiel voran gehen, widersprechen. Und ich musste mich wirklich überwinden noch weiter zu lesen.

Autor Sascha Reimann behauptet, dass „Hierarchien Gruppen erst handlungsfähig machen“. Um diese These zu stützen, lässt er zu allererst den Biologen und Managerberater Patrick van Veen zu Wort kommen. Er hat folgendes Verhalten sowohl unter Menschen als auch Schimpansen beobachtet: Beim Kampf um die Führungsposition vergessen Mensch und Tier manchmal jedes Maß und greifen zu extremen Maßnahmen, die Teilweise sogar die Artgenossen in Gefahr bringen. Für mich zeigt das eher, dass Hierarchien eine Gruppe auch handlungsunfähig machen können.

Der Leser wird ins Boot geholt

Es werden einige Wissenschaftler herangezogen, die weitere Parallelen zwischen Menschen und Affen ziehen. Zum Beispiel, dass soziales Verhalten die Gruppe, das Vertrauen und auch das individuelle Wohlbefinden und die eigene Position stärkt. Beim Affen durch das gegenseitige Lausen. Beim Menschen im Betrieb durch den Smalltalk in der Kaffeeküche, gegenseitige Wertschätzung, das gemeinsame feiern eines erfolgreich abgeschlossenen Projekts und dergleichen.

Die meisten Leser dürften bereits nickend über dem Fachblatt sitzen, denn wer würde schon die Bedeutung sozialen Verhaltens in Gruppen anzweifeln? Humanethologin und Managementberaterin Johanna Foster erklärt: In der Unternehmensstruktur wird durch das soziale Verhalten auch um Positionen gekämpft. Die simpelste Geste oder Mimik kann ausdrücken, dass man den Chef oder eine Entscheidung nicht akzeptiert oder einen Rang in Frage stellt. Foster beschreibt, dass es nicht darum geht ein solches Verhalten zu unterdrücken. Man müsse Probleme ergründen und verstehen – warum z.B. die richtige Idee abgelehnt wird, wenn sie von einer Person kommt, die nicht gut in das soziale Gefüge eingebunden ist. Die Gruppe verlange nach Klärung der Rangfolge.

Ein widersprüchliches Resümee

Es wird noch die Hackordnung unter Hühnern angeschnitten, damit auch der Letzte begriffen hat: Hierarchie ist natürlich.* Medienpsychologe Frank Schwab erklärt, dass sowohl Führende, als auch Geführte danach verlangen, da beide davon profitieren. Dass das wiederum im Geschäftsumfeld nicht in jeder Hinsicht der Fall ist, da die Abhängigkeiten ungleich verteilt sind, sollte der Vorgesetzte nicht demokratisch gewählt sein, kommt dem Autor nicht in den Sinn.

Reimann bemerkt aber, dass ein Bedürfnis nach Hierarchie nicht bedeutet, dass es den geborenen Anführer gibt. Im Tierreich gebe es verschiedene Modelle, nach denen entschiedenn wird, wer die Führungsposition besetzt. Er vergisst zu erwähnen, dass die Besetzung der Führungsposition in einem Unternehmen meistens gar nicht von Unterstellten mitentschieden wird. Er selber meint ja auch, das komme den „biologischen Bedingungen“ nicht entgegen. Der Geschäftserfolg mag also unter anderem von innerbetrieblichen Rangkämpfen abhängen, Folgen für die Führungsebene hat das aber im seltensten Fall.

Es wird zum Schluss trotzdem Foster zitiert: „Echte Autorität wird von der Gruppe verliehen“. Im Einklang damit wird behauptet, dass eine Führungskraft seinen Anspruch mit Kompetenzen untermauern, Kooperation fördern und das Ansehen in der Gruppe stärken muss, da sich die Gruppe sonst jemand anderen suche. Das klingt gut. Aber reicht diese Ansicht allein aus, um eine gute Führungskraft auszumachen, oder gehört doch etwas mehr dazu? Wir können uns da gerne mal näher drüber unterhalten… Aber vor allen Dingen: Wie kam Reimann zu dem Ergebnis, dass die Gruppe sich seinen Anführer selbst aussucht, eine demokratische Entscheidung im unternehmerischen Umfeld allerdings wider die Natur sei? Lieber hacken statt wählen?


*Ich musste wirklich lachen, als ich nach einem passenden Link zu Thorleif Schjelderup-Ebbe suchte, der als Erster die Hackordnung bei Hühnern untersuchte. Im Artikel wird auch auf ihn Bezug genommen. Sogleich landete ich auf Seite 166 des Buches „Psychologie sozialer Prozesse: Eine Einführung in das Selbststudium der Sozialpsychologie“. Der lustige Abschnitt steckt auch im Titelbild.


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